Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 6. Sep. 2021 11:41 Uhr

Liebe Gemeinde,

viele biblische Worte sind für uns eine Zumutung.

Sie muten uns einiges zu: sie haben häufig eine andere Sicht auf die Welt, als wir sie haben. Sie stammen aus einer ganz anderen Zeit. Aus Welten, die längst vergangen sind, die wir uns kaum vorstellen können.

Das führt dazu, dass wir sind heute oft viel kritischer diesen Worten der Bibel gegenüber sind als Generationen vor uns, für die klar war: das ist das Wort Gottes. Zwar möchte ich daran festhalten, dass in Worten der Bibel Gott zu uns spricht. Spricht durch Erfahrungen von Glaubenden, spricht durch die Zeiten hindurch.

Zugleich fällt es mir häufiger schwer, mich darauf näher ein zu lassen. Geht es Ihnen und Euch auch so?

Unser heutiger Bibeltext ist mal wieder so eine Zumutung. Ich sage bewusst Zu-mutung. Denn darin steckt für mich auch etwas Positives. Denn verstehen wir uns und die Welt nicht dann wieder etwas mehr, wenn wir nicht immer hören, was wir sowieso wissen? Oder zu wissen meinen? Wenn wir nicht dauernd bestätigt werden? Wenn wir hinterfragt werden und Fragen wirklich an uns heranlassen?

Heute ist unser zu-mutender Bibeltext ein Teil des ältesten Schriftstücks des Neuen Testaments, älter als die Evangelien. 20 Jahre nach Jesu Tod schreibt ihn der Apostel Paulus an eine kleine Gemeinde in der schon damals großen Küstenstadt Thessaloniki. Dort ist eine der ersten christlichen Gemeinden entstanden, alles ist noch ganz jung und frisch. Wir hören einen Abschnitt vom Schluss des Briefs, aus dem letzten, dem 5. Kapitel.

Wir ermahnen euch aber:

Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann.

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.

Seid allezeit fröhlich,

betet ohne Unterlass,

seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Den Geist löscht nicht aus.

Prophetische Rede verachtet nicht.

Prüft aber alles und das Gute behaltet.

Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Er aber, der Gott des Friedens,

heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus.

Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

 

Liebe Geschwister,

das erste Mal fährt Max auf Klassenfahrt. Corona ist im Griff, alle freuen sich, sind richtig aufgeregt, die Eltern noch mehr als die Kinder.

Alle warten auf den Bus, er biegt um die Ecke. Noch das Gepäck verstauen, die 12-jährigen werden einsteigen und weg sind sie.

Die letzte Gelegenheit für Max‘ Eltern, noch was los zu werden:

  • Denk‘ dran, genug zu trinken!
  • creme Dich immer mit Sonnencreme ein!
  • Du hast genug Wäsche zum Wechseln dabei – nicht vergessen!
  • mach keinen Blödsinn!
  • Wenn Du ein Problem hast, trau‘ Dich zur Lehrerin zu gehen!

So ähnlich stelle ich mir das bei Paulus vor. Das Papier, Papyrus, das er beschrieb, war teuer. Bald war das letzte Blatt voll. Also noch mal in aller Kürze den geliebten Geschwistern in Thessaloniki schreiben, was ihm für Sie am Herzen liegt:

  • achtet in Liebe aufeinander, doch scheut nicht die Klarheit dabei
  • tröstet die, die mutlos in die Zukunft sehen
  • tragt die, die nicht mehr alleine gehen können
  • habt Geduld miteinander
  • Widerfährt Euch Böses, dann zahlt nicht heim, sucht miteinander das Gute
  • seid stets fröhlich
  • betet regelmäßig
  • seid dankbar in allen Dingen

Es könnte noch eine Parallele zwischen den Eltern und Paulus geben. So wie Eltern ihrem Kind, wenn es schon fast ganz im Bus ist, hoffentlich hinterherrufen „Wenn was ist, ruf‘ an, wir sind immer für Dich da.“ – So erinnert Paulus daran, was unser gemeinsamer Glaube an den Gott des Friedens ist: Gott bewahre Euch, er steht euch treu zur Seite, Gott hilft Euch, so zu leben, wie es Gottes guter Wille ist.

Das ist bei Paulus klar: nicht zuerst, was wir tun oder lassen ist entscheidend, sondern was wir in Gottes Augen sind: Gottes geliebte Kinder.

Was Paulus dann an Mahnungen, an Erinnerungen formuliert: ich vermute, schon denen, die seinen Brief als Erste gelesen haben, fanden das zumutend.

Einige Beispiele: Paulus sagt nicht: seid geduldig, sondern: seid mit allen geduldig. Paulus ermuntert nicht: seid fröhlich, sondern: seid stets fröhlich. Der Apostel fordert nicht zur Dankbarkeit auf, sondern dazu, in allen Dingen dankbar zu sein.

Liebe Geschwister,

Selbst wenn ich wollte, solche Ansprüche könnte ich nicht erfüllen, wohl niemand von uns. Nehmen wir mal die Dankbarkeit heraus, darüber habe ich erst vor wenigen Tagen mit einigen Seniorinnen gesprochen: Im Rückblick auf ihr langes Leben hatten sie alle genug Grund, dankbar zu sein. Dankbar, dass sie die Kriegszeiten überlebt haben, schon so lange in Frieden leben dürfen, täglich dankbar für den Schlaf und für die Selbständigkeit. Für die Familien, für das Miteinander mit anderen Alten, für manche Haustiere.

Wir wissen auch, dass eine dankbare Haltung dazu beiträgt, dass wir zufriedener auf unser Leben schauen. Das ist – wie so vieles – inzwischen sogar ganz gut erforscht.

Dankbarkeit im Herzen Gott und Menschen gegenüber zu zeigen: das ist eine Urform des glaubenden Vertrauens. In der Dankbarkeit schaue ich über mich hinaus auf das, was mir geschenkt ist, was ich nicht machen kann.

Doch auf meine Frage an die Alten: sind sie dankbar in allen Dingen, wozu Paulus uns auffordert? Da blickte ich in erstaunte Gesichter. In allen Dingen? Meint das: für alles, wirklich alles, dankbar zu sein? So könnte Paulus es gemeint haben. Nein, so die Antwort der Seniorinnen: es gibt Dinge, Ereignisse, Widerfahrnisse im Leben, dafür kann ich nicht dankbar sein. Für manches davon vielleicht erst später, vielleicht viel später. Wenn sich vielleicht ein Sinn darin erschließt. Doch bei anderem: nein, das kann ich nicht, das gelingt mir nicht und ich wüsste auch nicht weshalb ich dafür dankbar sein sollte. Wohltuend fand ich, so etwas von alten Menschen zu hören, die für so viel Gott dankbar sind, nur eben nicht für alles.

Im Gespräch miteinander haben wir überlegt, was Paulus dazu bringt, mit diesen hohen Erwartungen zu kommen. Dachte er: ich formuliere den höchsten Anspruch, dann strengen wir uns alle mehr an? Das ist ja bis heute beliebt: Maximalforderungen stellen. Achten Sie mal darauf, wie viele Parteien, Gruppen, Verbände, Vereine sagen: „Wir fordern …“ So in Verhandlungen zu gehen, damit ich am Ende wenigstens ein Mindestergebnis habe. Wird nicht ständig von uns gefordert uns so und so zu verhalten oder unser Verhalten zu ändern? Oft in guter Absicht. Und doch merke ich bei mir, dass es einen Punkt gibt, an dem meine Anstrengung abbricht. Wo ich nicht mehr will, obwohl ich einsehe, dass es gut wäre anders zu handeln. Wo es mir zu viel wird, hohe Anforderungen erfüllen zu sollen.

Und wird uns nicht täglich gesagt, was wir tun sollen? Bei mir schlägt es dann manchmal in eine Trotzreaktion um, ich gebe ganz auf. Auch nicht gut. „Seid dankbar in allen Dingen“ löst so etwas in mir aus. Lieber Paulus, meinst Du das wirklich ernst?

An einer anderen Stelle unseres Predigtwortes, schreibt er:

„Prüfet alles, das Gute behaltet.“ Auf Paulus eigene Worte angewandt und seine Worte geprüft, schlage ich vor, dies dankbar von ihm abzuwandeln und zu behalten:

  • es ist gut, wenn wir immer wieder aufgerufen werden, dankbar zu sein
  • sind wir für das, was ist, dankbar oder dankbarer, dann erkennen wir, wie viel uns geschenkt ist
  • wenn wir dankbar sind, gelingt es uns hoffentlich leichter, zufrieden zu sein. Zufrieden sein und nicht noch immer mehr zu streben: nach mehr Konsum, nach mehr großen Erlebnissen, nach mehr Reisen, nach mehr Erfolg und Ansehen
  • Dankbarkeit kann Türen öffnen für ein im guten Sinne bescheideneres Leben, so dass wir unsere Schöpfung und damit uns selbst bewahren und nicht zu verbrauchen
  • Dankbarkeit lässt sich üben, ein guter Weg dazu ist das Dankgebet. Gott, vielleicht sogar täglich, zu danken.

Wofür? Dorothee Sölle und viele andere schlagen als tägliche Übung vor:

überlege am Abend vor dem Schlafen für welche drei Dinge, Menschen, Ereignisse des vergangenen Tages du dankbar bist uns sprich das vor Gott und Dir selbst aus.

Liebe Geschwister,

dankbar zu sein ist kein Wundermittel, das alles heilt. Ein Zuviel an Dankbarkeit könnte uns davon abhalten, notwendige Veränderungen anzupacken.

Dennoch, ich bin überzeugt: Dankbarkeit ist eine gute Lebenshaltung, sie wendet unseren Blick zum Guten, sie ist das Gedächtnis unseres Herzens.

AMEN

                                 Pastor Claus Nungesser

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