Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 30. Aug. 2021 12:00 Uhr

Predigt zum Nachlesen vom 29.8.2021

 Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich an eine Stunde im Konfirmandenunterricht. Wir sprachen über Gottes Vergebung: Dem wird vergeben, der sein Leben ändert und sich Gott wieder zuwendet, auch wenn er etwas Schlimmes getan hat. Meine Konfirmand:innen protestierten: Aber das geht doch nicht! Wenn jemand nun einen anderen Menschen umgebracht hat, dann kann Gott ihm doch nicht einfach so vergeben! Das wäre doch nicht gerecht für den, der ums Leben gekommen ist! Da kann Gott doch nicht tun als wäre nichts gewesen! 

Unser heutiger Predigttext erzählt genau von diesem Fall, wie sich Gott einem gegenüber verhält, der zum Mörder wird. Wir hören die biblische Erzählung von Kain und Abel aus dem 1. Buch Mose, 1,4: 

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.  Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.  Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,  aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.  Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?  Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.  Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.  Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?  Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.  Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.  Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.  Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.  Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.  Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.  So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Liebe Gemeinde, Kains Strafe Gottes klingt hart. Er muss ins Exil, verliert seine Heimat, und seine Felder sollen keine ausreichende Ernte mehr einfahren. Dem Gerechtigkeitsempfinden meiner Konfirmanden wird in der Kain- und Abelgeschichte aber entsprochen. Es geht schließlich nicht an, dass Gott Kain einfach so vergibt, ohne etwas zu Abels unschuldigem Tod zu sagen. Gott ist in der Bibel nicht nur der Vergebende, sondern ist auch Richter. Das muss er auch sein, wenn er Gerechtigkeit schaffen will. Doch Gottes Urteil für Kain fällt milder aus als ein menschliches Urteil. Zur Entstehungszeit des Bibeltextes hätte die traditionelle Blutrache den Tod Kains gefordert, um den Mord zu sühnen. Ein Leben für ein Leben. Leicht hätte daraus ein Kreislauf von Gewalt entstehen können.

Gott durchbricht diesen Kreislauf. Er will keine Blutrache, er entscheidet sich für das Gegenteil: Er behütet und beschützt Kain in besonderer Weise. Gott macht ihm ein Zeichen, damit ihn nicht totschlägt, wer ihn nun findet. Kain bleibt am Leben. Dieses Leben verläuft nach seinem Brudermord aber anders als von ihm erträumt. Im Exil, getrennt von seiner Familie, verliert er sein Erstgeburtsrecht an seinen jüngeren Bruder Seth, mit dem seine Mutter Eva nun schwanger wird. Ohne Privilegien, ohne ertragreiches eigenes Land muss sich Kain durchschlagen, in der Fremde, im Lande Nod, östlich von Eden. Doch Gott verlässt ihn, den Mörder, trotzdem nicht: Kain heiratet und hat schließlich mehr Erfolg im Leben als Gott ihm nach seiner Straftat prophezeit hatte. Kain wird nicht nur Erbauer einer Stadt, sondern zeugt auch zahlreiche Nachkommen. In biblischen Zeiten sind Nachkommen Zeichen des Segens. Diesen Segen erfährt Kain trotz des göttlichen Fluchs, der zugleich auch auf ihm lastet. Gott hat Kain nicht verlassen.

Ich würde es so ausdrücken: Gott vergibt Kain nicht blind. Gott verurteilt seine Tat zutiefst. Aber er bleibt mit Kain in Beziehung und behütet ihn weiterhin, trotz allem.

„Was Kain gemacht hat“, sagt einer der Konfirmanden, „das ist doch Sünde!“ Da ist es, dieses alte Wort, das vielen Christ:innen nur noch schwer über die Lippen kommt, weil es so altbacken klingt und moralinsauer. Dem Wort „Sünde“ wird vorgeworfen, es wurde früher benutzt, um Menschen in den Kirchenbänken klein zu machen. Gern möchte ich heute versuchen, einmal von diesem schwierigen Beigeschmack abzusehen. Ich möchte fragen: Was ist denn die tiefere Bedeutung dieses komplizierten Wortes? „Sünde“ kommt im Deutschen sprachgeschichtlich von „Sund“. Eine Sünde ist eine Meerenge oder ein tiefer Graben. Sünde bedeutet, von Gott getrennt zu sein. Die Sünde schiebt sich zwischen Gott und stört die Gottesbeziehung. Dies lässt sich anhand der Geschichte von Kain anschaulich nachvollziehen. Schauen wir einmal an den Anfang und auf den Anlass für Kains Wut:

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.  Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,  aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Eine Ungerechtigkeit, finden Sie auch liebe Gemeinde? Wie kommt es, dass Gott nur Abels Opfer gnädig ansieht und nicht das von Kain? Ob Abel als Schäfer fleißiger gewesen ist als Kain, der Ackerbauer? War Abels Opfergabe vielleicht größer oder von besserer Qualität? Wir erfahren es nicht aus dem Bibeltext. Klar ist nur: Kain fühlt sich gegenüber seinem jüngeren Bruder Abel zurückgesetzt: Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.  Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?  Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

Gott erkennt gleich, was in Kain vor sich geht. Er spricht ihn darauf an, doch Kain antwortet nicht. Sein Blick bleibt finster gesenkt und von Gott abgewandt. Schon hier tut sich der Graben auf: Kain entscheidet sich an dieser Stelle gegen das Gespräch und für den Beziehungsabbruch mit Gott. Dann folgt die Tat. Kain nimmt Abel mit aufs Feld und erschlägt ihn.

Gott bemüht sich auch jetzt noch, das Gespräch mit Kain wieder zu beginnen und spricht ihn erneut an: Wo ist dein Bruder Abel? (Kain) sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Der Graben, die Sünde, hat nicht nur die Gottesbeziehung zerstört, sondern sich auch zwischen Kain und seinen Bruder geschoben. Gottesbeziehung und Liebe zum Nächsten stehen in Verbindung zueinander. Kain, der nicht mehr mit Gott sprechen mochte, fühlt sich auch seinem kleineren Bruder nicht mehr verantwortlich. Und weil Kain das Vertrauen in Gott verloren hat, hat er versucht, sich einfach selbst Recht zu verschaffen und hat Abel umgebracht.

Wie hätte es anders gehen können? Wie wäre die Geschichte verlaufen, wäre Kain mit Gott im Gespräch geblieben? Anstatt damals nicht finster nach unten zu blicken und zu schweigen, hätte Kain Gott zur Rede stellen können und vielleicht wäre es anders ausgegangen. Ich hätte Lust, die Geschichte auf diese Weise umzuschreiben, in etwa so:

Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.  Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Und nun kommt meine Version der Geschichte:

Da sprach Kain: Ich verstehe dich nicht, Gott. Mit viel Mühe habe ich meinen Acker bebaut und dir von meinen besten Erntegaben geopfert. Es schmerzt mich als den Erstgeborenen, dass du mein Opfer nicht gnädig angesehen hast, sondern nur das Opfer meines Bruders Abel. Bin ich aus deiner Gnade gefallen?

Da antwortete Gott: Kain, es ist gut, dass du mir erzählst, was dein Herz bedrückt. Doch es ist nicht recht, dass du wütend bist gegen mich. Siehe, ich habe Gründe, weshalb ich diesmal das Opfer deines Bruders gnädig angesehen habe. Aber sei gewiss, das nächste Mal will ich dein Opfer in doppelter Weise würdigen und ich will dich segnen und dich zur Ehre deiner Eltern machen.

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, sagte er zu seinem Bruder Abel: Dein Opfer hat Gott gnädig angesehen und meines nicht. Doch er hat zu mir gesprochen und gesagt, das nächste Mal werde er mein Opfer in doppelter Weise würdigen. Da antwortete Abel: Das freut mich zu hören, denn du hast hart gearbeitet und verdienst es, dass Gott dies belohnt. Da reichte er Kain die Hand und sie gingen einträchtig heim.

In dieser Version der Erzählung bleibt Abel am Leben. Vielleicht wäre die Geschichte so verlaufen, wäre Kain im Gespräch geblieben, nicht nur mit Gott, sondern auch mit seinem Bruder Abel. Die Kain- und Abelerzählung enthält eine Lebensweisheit, die auch für andere zwischenmenschliche Konflikte gilt: Wenn ich mich sehr über jemanden geärgert habe, verbessert sich die Situation selten, wenn ich schweige und versuche, den Ärger hinunterzuschlucken. Meistens gelingt es nicht und die Wut wird nur größer. Ich habe die Erfahrung gemacht: Am besten ist es: Ich warte kurz ab, bis mein Kopf wieder klarer ist, atme durch und spreche meinen Ärger dann so sachlich wie möglich an. Oft lässt sich der Konflikt klären. Manchmal sagt mir jemand: „Oh Entschuldigung, das tut mir leid.“ Oder ich verstehe im Gespräch, warum der andere so gehandelt hat und dass ich ihn vielleicht zuvor auch verletzt habe, ohne es zu merken. Komplizierter ist es bei Konflikten, bei denen ein Gespräch nicht mehr möglich ist, entweder weil der andere nicht mehr mit mir redet oder umgekehrt, wenn ich einfach zu verletzt bin. Dann ist aber immer noch Gott da, mit dem ich darüber reden kann. Gut, wenn es mir gelingt, auf Gott zu vertrauen, dass er sich für mich einsetzt. Gott wird auf seine Weise Gerechtigkeit schaffen. Es ist für mich nicht heilsam, Selbstjustiz zu üben, schon gar nicht mit Mitteln von Druck oder Gewalt.

Konflikte erleben wir fast alle im Leben. Konflikte können sehr belastend sein. Ich glaube, wir sind in unseren Konflikten nicht allein. Gott hilft uns und hat Geduld mit uns. Selbst Kain, der zum Mörder wurde, hat Gott nicht aufgegeben. Die harten Konsequenzen für seine Tat musste Kain selbst tragen und doch hat ihn Gott wieder ins Beziehungsgeschehen zurückgeholt und ihn wieder ins Gespräch zu sich zurückgebracht. Von Gott kommt die Kraft, die auch uns wieder sprachfähig macht.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther 

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