Veröffentlicht von Rüdiger Kunstmann am Mo., 23. Aug. 2021 11:59 Uhr

Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis am 22. August 2021

Predigttext: Markus-Evangelium, Kapitel 7, 31-37

31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.
32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.
33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel
34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
36 Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.
37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen reden.


Liebe Gemeinde,

es ist schon etwas Besonderes in unseren Coronazeiten mitzuerleben, wie Jesus diesen Taubstummen heilt und befreit. Immer noch gilt es bei uns ja körperlichen Abstand zu halten. Immer noch sitzen wir im Gottesdienst  auf 1,5 Meter verteilt und müssen an manchen Orten Masken tragen. Ja Corona macht manchen geradezu Berührungsangst.

Doch hier kommt Jesus einem Menschen wirklich sehr nahe. So nahe, wie sich Menschen - schon außerhalb von Coronazeiten - nur in der Familie, unter Lebenspartnern und Freunden, oder gegenüber Ärzten und in der Pflege nahekommen. Jesus aber hat keine Berührungsangst - etwa gegenüber Fremden oder Kranken - wenn es Not tut, einen Menschen zu berühren, um ihn zu heilen. Möglicherweise erscheint uns die hier beschriebene Behandlungsmethode Jesus aus der Sicht unserer Zeit ungewöhnlich, unhygienisch, ja ekelig, solche Sachen wie Speichel auf die Zunge. Das war aber zu Zeiten Jesu bei Heilern eine übliche Praxis. Auch wenn unsere Ärzte in Bremen heute in manchem wohl anders behandeln.

Aber welche Behandlungsmethode auch immer. Im Gleichnis wird uns erzählt, es gibt Wege Menschen zu helfen, sie zu heilen und zu befreien. Und sie lassen sich – passend hier zu diesem Taubstummen – auch ohne Worte mit wenigen Gesten beschreiben. Ich will das einmal tun. Ich brauche dazu eigentlich einen zweiten Menschen. Wegen des Corona-Abstandsgebotes zeige ich diese Gesten aber einmal an mir selbst. Und beschreibe sie auch mit Worten für diejenigen, die es vielleicht nicht so gut sehen können. Es sind Gesten für das Verschließen, für das Helfen, für das Öffnen:

(die Gesten mit Worten beschrieben)

Ich bedecke mit den Händen die Augen.
Ich lege meine Hände auf die Ohren.
Ich halte meine Hand vor den Mund.     

Ich halte deine Hand.                
Wir umarmen uns.
Wir reichen uns die Hände.     

Ich reibe mit den Fingern die Augen.
Ich lege die Finger auf die Ohren.
Ich streiche mit den Fingern über den Mund. 

Wir kennen alle das Bild von den drei Affen die sich die Hände vor die Augen, die Ohren und den Mund halten – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Das ist die Situation, in der der Taubstumme zu Jesus gebracht wird. Die Sinne sind ihm verschlossen. Und damit ist es schwierig zu leben. Denn er ist stark eingeschränkt mit den anderen zu kommunizieren.  Es wird hier nicht erzählt, ob dieser Mensch von Geburt an taub ist, und damit auch kaum in der Lage war, das Sprechen zu lernen. Oder ob er im fortschreitenden Alter schwerhörig und taub wurde. Oder ob er Schlimmes im Leben erfahren hat, traumatisiert ist. Vielleicht hat es ihm darum die Sprache verschlagen. Dann will er will einfach nichts mehr hören, sagen, sehen, wie die bekannten drei Affen. Das kennen wir auch heute. Wir verschließen unsere Ohren, weil wir all den Lärm, all das Gerede, all die Lügen um uns herum nicht mehr ertragen können. Wir verstummen, weil es uns erschreckt und ängstigt, was um uns herum passiert. Menschen sprechen nicht mehr miteinander, weil sie einander verletzt haben, oder weil sie aus einem Streit nicht mehr herauskommen. Oder Menschen werden mundtot gemacht und zum Schweigen gebracht, wenn es den Mächtigen nicht gefällt, dass sie ihre Stimme erheben.

Aber in allen Fällen sind da nicht nur unsere Sinne verschlossen. Es beeinträchtigt unser ganzes Leben und Arbeiten, es stört die Kommunikation und Beziehung zu unseren Mitmenschen. Und je nachdem, wann es zum Beispiel mit einer Taubheit beginnt auch unsere Entwicklung von früh an, unser ganzes Lernen und Wachsen. Denn das macht uns als Menschen mit aus, dass wir mit unseren Sinnen lernen, und nicht nur zu hören und zu sprechen, sondern ja auch miteinander zu sprechen und einander zu verstehen. Mit unseren Sinnen hat Gott uns geschaffen, damit wir eine ganze Kultur des menschlichen Zusammenlebens aufbauen können.

Wo unsere Sinne geschwächt sind, werden wir aber erfindungsreich, Mittel der Hilfe und der Heilung zu entwickeln, die es uns ermöglichen, den Kontakt zum Leben und zu den Menschen zu behalten. Wir lernen lesen und schreiben. Und wenn nötig dann eben auch mit der Blindenschrift. Oder wir haben Wunder der Technik entwickelt, um besser hören zu können, vom alten Hörrohr bis hin zu den modernen Hörgeräten oder Hörimplantaten. Oder wir nutzen psychologische Therapien für die verletzte Seele, wenn es uns die Sprache verschlagen hat. Wenn uns solche Hilfen denn nur gegeben werden und wenn wir sie dann nur auch annehmen wollen.

Von diesen Hilfen konnte der Taubstumme in biblischer Zeit nur träumen. Die meisten Menschen lernten ja nicht einmal lesen und schreiben. Und doch wird uns erzählt, dass Jesus dem Menschen auf wunderbare Weise helfen konnte. War das eine gelungene Therapie? War das ein Wunder? Auf jeden Fall macht es uns aufmerksam auf Menschen, die Hilfe suchen, und ermutigt uns Wege zu finden, wie geholfen werden kann, damit sich die Sinne wieder öffnen, wo sie verschlossen sind.

Denn so will uns Gott sein Reich unter uns zeigen, will er in unser Leben hineinwirken: „Die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen reden.“ Sagen die Leute über Gottes Wirken. Denn so begegnet er uns in Jesus, der uns Gottes Liebe zeigt, indem er sich den Menschen zuwendet. Und er begegnet mit den Gesten der Hilfe und der Liebe, wo wir vielleicht mit Worten nicht erreicht werden. Jesus hat keine Berührungsängste und ist offen für jeden Menschen. Er lässt sich zuallererst selbst berühren. Fühlt mit den Leidenden und Ausgegrenzten. Hält keinen für unwürdig, dass ihm nicht geholfen werden kann. Es gibt ja die Vorstellung, dass Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen für ihre Sünden bestraft werden, oder von Dämonen besessen werden – zu Jesu Zeiten und auch noch in unserer Zeit. Für Jesus spielt das keine Rolle. Jeder Mensch ist es wert, Hilfe und Heilung zu finden.

Und wo das Sprechen nicht möglich ist, etwa weil der Taubstumme ja nicht hören kann, gibt es eben auch Gesten und Berührungen, die dem Menschen zeigen: Ich bin bei Dir. Ich sehe Deine Not. Ich nehme dich auf, tröste und stärke dich. Du kannst Heilung finden. Dem Taubstummen sind das die ganz nahen Berührungen die ihm das zeigen. Jesus legt die Finger in die Ohren, berührt die Zunge mit Speichel, und das sagt ihm: Gott ist nahe bei dir mit seiner Kraft. Er berührt dich mit seinen Fingern. Er legt dir die Hand auf. Er umarmt dich. Er tut alles was hilft, um heil zu werden. Gott hilft dir einen Weg finden, die Ohren und den Mund zu öffnen.

Und all dies drückt auch Jesu Ruf aus. Er blickt in den Himmel und seufzt; Und er ruft in seiner Muttersprache, dem Aramäischen: „Hefata! – „Tu dich auf!“ – „Öffne dich!“ – Das ist gleichzeitig wohl Klage, Bitte und Beschwörung an Gott gerichtet: Bei dem Menschen zu sein, zu helfen und zu heilen, Ohren und Mund zu öffnen. Und wohl auch an den Menschen gerichtet, sich helfen zu lassen, sich für eine Heilung zu öffnen. „Öffne Dich! Denn wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass Heilung möglich ist. Selbst wenn es  nicht so wunderbar plötzlich geschehen mag, wenn es ein Weg der Besserung sein mag, selbst wenn es eine Hilfe zum besser Leben sein mag, aber eben die Hoffnung, dass  geholfen werden kann. Und so ist dieser Ruf Jesu „Hefata!“auch zum Leitwort der christlichen Diakonie geworden, den Menschen Lebenshilfe zu bieten.

Die Menschen in der Menge in unserem Gleichnis haben diese Hoffnung auf Heilung. Sie bringen den Taubstummen zu Jesus. Es wird nicht berichtet, ob er selbst um Hilfe gebeten hat. Aber wir können an ihrem Handeln erkennen, wie wichtig es ist, auch selbst für Menschen aktiv zu werden, die Hilfe brauchen, die aber vielleicht nicht von sich aus darum bitten oder auch ihr gutes Recht darauf einfordern. Also sie zu ermutigen und sie zu unterstützen dabei, sich helfen und heilen zu lassen. Oder die Stimme für die zu erheben, die verstummen, die sich selbst allein kein Gehör verschaffen können.

Ich erinnere mich hierbei an meine Oma – und vielleicht kennen Sie ähnliches auch in ihrer Familie. Meine Oma wurde im Alter schwerhörig. Sie wollte dies aber lange nicht zugeben. Sie weigerte sich beharrlich ein Hörgerät zu tragen. Darum bekam sie vieles bei unseren Gesprächen nicht mehr mit und sprach auch wenig. Schließlich aber haben wir es mit Ermutigung und Geduld geschafft, sie zu überzeugen, die Hörhilfe mit einem Hörgerät anzunehmen. Und sie war froh wieder teilzuhaben, zu hören und zu sprechen.

Bei mancher Taubheit lässt sich technisch Abhilfe schaffen. Aber bei jener anderen Taubheit, Stummheit und Blindheit, bei der wir uns verschließen und nichts mehr an uns heranlassen, da braucht es vor allem Mitmenschen, die an unserer Seite bleiben. Die sich von unserer Situation zuerst selbst berühren lassen und verstehen, was einen da verstummen und ertauben lässt. Die uns einen Schutzraum bieten, neues Vertrauen zu finden, um sich zu öffnen. Die auch mit Gesten und Nähe begleiten und trösten können, in manchen Zeiten auch ohne viele Worte, miteinander schweigen können um zur Sprache zurück zu finden. Auch Jesus macht das so mit dem Taubstummen. Er nimmt ihn für eine Zeit raus aus der Menge. Er schenkt ihm eine Zeit des Schutzes und Zuwendung. Er lässt ihn spüren, dass Gott bei ihm ist. Und das ohne die große Öffentlichkeit. Helfen und Heilen geschieht hier ganz im Privaten. Der Heiler macht kein großes Aufsehen um seine Hilfe. Er verbietet der Menge sogar das groß herauszubringen. „Bitte keinen Medienrummel um unsere Helfer und Helden!“ - würden wir heute vielleicht sagen. Schließlich können sich Ohren und Mund wieder öffnen – und der Geheilte kehrt zurück unter die Menschen.

Und die wollten es dann doch nicht verschweigen. Auch die Menge bleibt nicht stumm. Sie erzählten es überall weiter. Es war für sie wie ein Wunder. Und schließlich wurde es aufgeschrieben im Markusevangelium, in diesem Gleichnis von der wunderbaren Heilung des Taubstummen. Es ermutigt uns daran zu glauben, dass Gott bei uns ist, wenn wir nach Wegen suchen, Augen, Ohren und Mund zu öffnen. Ich beschreibe uns den Weg noch einmal zum Abschluss mit den Gesten am Anfang der Predigt, den Gesten für das Verschließen, für das Helfen, für das Öffnen:

(die Gesten mit Worten beschrieben)

Ich bedecke mit den Händen die Augen.
Ich lege meine Hände auf die Ohren.
Ich halte meine Hand vor den Mund.

Ich halte deine Hand.
Wir umarmen uns.
Wir reichen uns die Hände.

Ich reibe mit den Fingern die Augen.
Ich lege die Finger auf die Ohren.
Ich streiche mit den Fingern über den Mund.  

So sei nahe bei uns Gott. Hilf uns Gott und lass uns anderen helfen, die Wege der Heilung zu finden. Öffne unsere Augen, Ohren und Münder.

Pastor Rüdiger Kunstmann

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