Veröffentlicht am Mi., 4. Aug. 2021 10:25 Uhr

Predigt vom 01. August 2021, Pastorin Annette Niebuhr

 Die Schriftlesung und der Predigttext stellen uns das Leben des Propheten Elijahu vor Augen. Er lebte um 850 vor Christus. Ein Prophet, der mutig sich dem herrschenden Königspaar Isebel und Ahab entgegengestellt hat. Der gekämpft hat mit ganzem Herzen gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und militärischer Macht. Als sein Leben bedroht wird, flieht er in die Wüste. Wir hören und lesen die Übertragung von Buber/Rosenzweig:

4 Elijahu selber aber ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg. Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. Er wünschte seiner Seele zu sterben, er sprach: Nun ists genug, DU, nimm meine Seele, ich bin ja nicht besser als meine Väter.

5 Er legte sich hin und entschlief unter dem einsamen Ginsterbusch. Da rührte ein Bote ihn an, der sprach zu ihm: Erheb dich, iß.

6 Er blickte sich um, da, zu seinen Häupten ein frisch gebackenes Brot und ein Krug Wasser. Er aß und trank, dann legte er sich wieder hin..

7 Aber SEIN Bote kehrte wieder, zum zweitenmal, und rührte ihn an, er sprach: Erheb dich, iß, genug noch hast du des Wegs.

8 Er erhob sich, aß und trank, dann ging er in der Kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berge Gottes Choreb.

9 Dort kam er in die Höhle, dort wollte er nächtigen. Da, SEINE Rede an ihn, er sprach zu ihm: Was willst du hier, Elijahu?

10 Er sprach: Eifrig geeifert habe ich für DICH, Gott. Das Herrscherhaus hat deine deine Künder mit dem Schwert umgebracht, ich allein bin übrig, so trachten sie mir nach der Seele, sie hinwegzunehmen.

11 Es sprach: Heraus, steh hin auf den Berg vor MEIN Antlitz! Da vorüberfahrend Ewige: ein Sturmbraus, groß und heftig, Berge spaltend, Felsen malmend, her vor SEINEM Antlitz: ER im Sturme nicht - und nach dem Sturm ein Beben: ER im Beben nicht -

12 und nach dem Beben ein Feuer: der Ewige im Feuer nicht - , aber nach dem Feuer eine Stimme verschwebenden Schweigens.

 13 Es geschah, als Elijahu hörte: er verhüllte sein Antlitz mit seinem Mantel, er trat hinaus, stand am Einlaß der Höhle. Da, eine Stimme an ihn, es sprach: Was willst du hier, Elijahu?

 14 Er sprach: Eifrig geeifert habe ich für DICH, Gott, -  Die Herrschenden haben deine Künder mit dem Schwert umgebracht, ich allein bin übrig,  so trachten sie mir nach der Seele, sie hinwegzunehmen.

 15 ER sprach zu ihm: Geh, kehr um auf deinen Weg. Als Elijahu von dort gegangen war, fand er Elischa, Sohn Schafats. Er war seinen Mantel über ihn. 

 

Liebe Gemeinde,

 die Geschichten der Bibel erzählen nicht von einer heilen Welt, sondern sie zeigen uns, wie es geschehen kann, dass Rettung in Gefahr, dass Stärkung in Entkräftigung, dass Ermutigung in Verzweiflung aufleuchtet und ein Weg gangbar wird.

 Nein, niemand von uns ist eine der Gestalten der biblischen Erzählungen. Niemand von uns ist Elijahu.

 Aber wie Elijahu seinen Mantel auf Elischa wirft und ihn später ganz hinterlässt, so dürfen wir Elijahus Mantel nehmen und ihn uns umlegen, um uns in seiner Geschichte zu bergen, um uns von ihr Stärkung und Trost zu holen, Wasser und Brot auf dem Weg unseres Lebens.

 Einige Aspekte möchte ich für uns heute auswählen: Elijahu kann nicht mehr. Todmüde ist er geworden. Da ist niemand mehr, mit dem er reden kann, der verstehen kann. Er fühlt sich einsam. So einsam wie der einsame Ginsterbusch in der Wüste.

 Elijahu traut sich, das zu fühlen. Wie unendlich schwer ist das – und wie mutig. Ob Elijahu doch schon eine Ahnung hat, eine leise Erinnerung: Mose, sein großes Vorbild ist auch in die Wüste, in die Stille, an den Ort ohne Ablenkung gegangen.

 Und ja: Elijahu darf sich eine Auszeit nehmen, darf schlafen. Da ist jemand für ihn da. Ohne ihn zu beschwichtigen. Ohne Vorwurf. Iss und trink. Sagt diese Botin, dieser Bote. Luther sagt: es sei ein Engel gewesen. Ein Engel, der Brot backen kann und Wasser bringen.

 Und als Elijahu wieder zu Kräften gekommen ist, da kann er aufstehen und weiter gehen. Ja, für mich ist es nicht zentral wichtig, ob er mit seinen Füßen 40 Tage und 40 Nächte zum Gottesberg Choreb wandert.

 Zentral sind für mich die Wege, die Elijahu in seinem Inneren geht. Er hatte seinen Glauben, sein Gottvertrauen verloren. Da braucht das Herz, die Seele einen langen Weg der Suche, der Rückbesinnung, der Rückkehr, der Umkehr zum Ort der Gottesbegegnung. Elijahu erinnert sich: 40 Jahre sind seine Vorfahren in der Wüste gewesen. Und da  - am Berg – hat sich Gott ihnen gezeigt. Die 10 Werte/Gebote des Lebens hat er ihnen gegeben.

 Ja, Elijahu erinnert sich. Dort hin will auch er zurück. Gestärkt, und mit sich und mit seiner Gottessehnsucht. Mit ihr ist er wieder in Kontakt gekommen. Sehnsucht nach dem, was Leben verheißt.

 Ja, und es geschieht: anders als Elijahu es sich vorgestellt und gedacht hatte. An ihm können wir sehen. Wir denken in Bildern und Vorstellungen von Gott. Eigene Vorstellungen und Bilder, wie wir Gott haben wollen; auch Vorstellungen, wie sie uns überliefert sind. Gott – mächtig, eingreifend, mächtig in den Zeichen.

 Aber Elijahu lernt Gott auf andere Weise als Mose kennen. Seine Erfahrung sagt: Gott ist da im verwebenden Schweigen. Elijahu lernt Gottes Schweigen auszuhalten – in der gleichzeitigen Erfahrung: Gott ist da – gegenwärtig - ein Gegenüber – von Angesicht zu Angesicht. Im Schweigen – in Gottes Angesicht – bildet sich in Elijahu die innere Stimme, die sagt:

Nun kehr um, geh zurück auf deinen Weg. Welch eine Formulierung aus dem Schweigen Gottes heraus: Geh zurück auf deinen Weg, nachdem du dir bewusst geworden bist, was du eigentlich willst? Was willst du hier? – Was willst du hier im Leben? Das ist die Frage.

 Und Elijahu geht zurück zu seinem Volk und seiner Aufgabe, vom Berg der Gottesbegegnung zurück in die Ebene, in das gemeinschaftliche Leben. So wie es Mose vor ihm getan hat, und Jesus später tun wird, als er vom Berg der Verklärung wieder hinabsteigt.

 

Liebe Gemeinde – für mich ist in all dem Wichtigen dieser Erzählung das eine auch wichtig: Geh zurück auf deinen Weg.

Jede und jeder von uns hat den je eigenen Weg. Und unsere Wege können so unendlich unterschiedlich schwer und leichter sein. Den eigenen Weg anzunehmen und ihn zu gehen und zu vollenden – das ist für mich eine der Ermutigungen der Elijahu-Erzählungen. Dass wir unseren je eigenen Weg in der Stille herausfinden und im Schweigen Gottes Stimme als Kraft wahrnehmen – diesen Mantel will ich mir gerne umlegen lassen.

Dass wir unseren je eigenen Weg leben können, vor und mit Gottes Angesicht im Rücken – das ist mein Vertrauen – für uns alle.

 Amen

 

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